DOSSIER SERBIEN

Aktiver widerstand

Das als Engagement in der Kunst nach 1995 bezeichnete Thema hatte slch in diesem Augenblick durch die Gebote der Zelt, durch die Lebenswe!se und die Existenz im heutigen Jugoslawien aufgezwungen. Denn, was ware eigentlich in den bildenden Kunsten des aktuellen Augenblicks bedeutender als deren engagierte Zeugnisse, Kommentare oder Kritik des soziologisch kulturellen Umfelds, in welchem es entstand   und mit aufierster Anstrengung und vollkommener Ungev/ifiheit bis zu dem eigentlichen Ende, dem grofien politischen   Umbruch im September und Oktober 2000 zu wirken versuchte. Es ist interessant, daG wir fur eine dermaBen aktuell gewordene These ein paradigmatisches Beispiel am Beginn des Jahrhunderts selbst in dem Fall der ersten serbischen modernistischen Kunstlerin Nadežda Petrović vorfinden, bei der jugoslavvischen Hoffnung (Nada) wie sie seinerzeit vom kroatischen Bildhauer Ivan Meštrović und dem slowenischen Maler Ivan Grohar, ihrer kunstlerischen Freunde und Mitkampfer in groBer Arbeit der Schaffung der Kultur einer jungen Nation und eines entstehenden Staates genannt wurde. Ihr Leben und ihre Kunst slnd fest miteinander verbunden; zu dem schweren und beharrlichen Kampf um dle asthetischen Grundsdtze der Moderne, der Veranstaltung erster jugoslawischer Kunstausstellungen, der Grundung von Kunstlerkolonien und -verbanden, grundete sie  eine Hilfsorganisation unter der Bezeichnung Kolo srpskih sestara (Serbischer Schwesternreigen). Sie war aufterdem mit der Komittenbewegung in Mazedonien verbunden, in Bosnien und Herzegowina grundete sie die Volksverteidigung und in Zeiten der Balkankriege und des Ersten Weltkrleges arbeitete sie als freivvillige Krankenschv/ester und starb 1915 im Krankenhaus in Valjevo.

Dle Ubereinstlmmung dieser Interessen, der Ziele und Grundsatze von dem Beginn dieses Jahrhunderts steht eigentlich wle ein Paradox genauso auch am Ende dieses Jahrhunderts in gleichen Bereichen als ethische und asthetische Norm, aber nun, wie wir sehen mit rucklaufigem Vorzeichen. Die fruheren Einigungsprozesse gerieten in den neunziger Jahren in Spaltungen, die Grundung und Schaffung vvurden nun zur Vernichtung und Zerstorung. Der Enthusiasmus der Bildung einer neuen sudslavvischen Gesellschaft wurde im letzten Jahrzehnt zu dem Drama der Zersetzung in blutiger Hochzeit jugoslav/ischer Kriege.

Zwischen den beiden Weltkriegen wurde in einem Teil der jugoslav/ischen engagierten Kunst an der intellektuellen Linke eine kritische Bewegung geschaffen, die in zwei Stromen auseinander ging: in den Surrealismus und in die soziale Kunst, aus welcher nach dem Sieg der Bewegung der Partisanen unter Tito in vollstandig veranderten gesellschaftlichen und politischen Umstdnde-der Sozialistische Realismus hervorgegangen ist. Diese politisch und Ideologisch instrumentalisierte Kunst des Soziorealismus  verherrlichte die Gesellschaft und glorifizierte das System, plakathaft und propagandistisch hob sie den Heroismus, den Stolz und den Hochmut mit einer Sprache des traditionellen und zu dieser Zeit anachronistischen Realismus hervor, welcher nicht vermochte, ein groReres Interesse der fachkundigen Offentlichkeit und des Publikums zu ervvecken. Daher wurde der Krach des Sozialistischen Realismus nach 1950 In der jugoslawischen Kunst als ein vollkommen naturliches Nachspiel eines mifilungenen Versuches der Bildung einer neuen Asthetik empfunden.

Mit dem Beginn der jugoslav/ischen Kriege kam es zu einem allseitigen Bruch – so dass auch der Eros in der Kunst durch den Tanatos, das Natale durch das Mortale, das Leben durch den Tod, das Joviale durch das Morbide ersetzt waren. Die neunziger Jahre zeigten, was vollkommen verstandlich war infolge des blutigen Zerfalls Jugoslawiens,   eine Reihe offen engagierter Expressionen auf der Szene der einheimischen    bildenden Kunste. Ihre wichtigsten Phanomene wurden in dem Buch Art in Jugoslawien 1992-1995 verzeichnet und als Kunst in einer geschlossenen Gesellschaft definiert. Gezeigt vvurden auch einige Ausstellungen mit dem wichtigsten Problemthema des aktuellen sozialen Kritizismus wie etwa Mord 1, Asoziale  Versicherung, Versto6formen, Das Kunstlerische und das Engagierte der neunziger Jahre. Besonders hervorzuheben ist die Tatigkeit der Kunstler einiger Generationen wie etwa Marina Abramović, Zvonimir Santrač, Raša Todosijević, Čedomir Vasić, Mileta Prodanović, Saša Stojanović, Dejan Atanacković und auch in dieser Hinsicht drei sehr aktive Kunstlergruppen – Škart, LedArt und Magnet wie auch eine Reihe von Kunstlern der jijngsten Generation, die in dem letzten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts (Jahrtausends) auftraten.

Die morbide theoretische Matrix der Ausstellung Mord 1 (Ubistvo 1) /nach dem Entwurf des Zentrums fur Moderne Kunst, 1997 im Zentrum fur Kulturelle Dekontamination ir Belgrad stattgefunden/ kann auch als Sinn der Kunst als Gefahr in der Politik der Sicherheit aufgefaRt werden, die eben der damaligen realistischen Situation umgekehrt war und die richtiggestellt lautet: offizlelle Politik der Gefahren, der generellen offentlichen und privaten Unsicherheit. Sie setzte die grundlegenden Verhaltensweisen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und der Kultur fest.

In dem parallelen Bildungssystem der Kosovo-Albaner spielten sich zu der Zeit offensichtlich sehr interessante Prozesse ab. Zweifellos haben die Schulprogramme auch in der kunstlerischen Ausbildung an den alternativen Universitaten im Kosovo  entsprechend funktioniert. Auf der Ausstellung „Pertej” (stattgefunden in der Organisation der Galerie in Priština Dodona, 1997 im Zentrum fur Kulturelle Dekontamination in Belgrad; in Albanisch – uber, druben, dorthin, jenseits; die Bezeichnung erhielt in diesem Fall zufallig einen aktuellen und politischen Beiklang, der auf die Uberv/indung der Vorurteile und der kunstlerischen Abstinenz zuruckging), nach dem Konzept und der Ausv/ahl von Shkelsen Maliqi wurden auf einem kleinen aber exakten   reprasentativen Modell drei interessante Maler und ein Komponist dargestellt: die verdunkelten Pallmpsest-Bilder von Maksut Vezgishi, die rdumlichen Installationen von Sokol Bequiri, die mit Bitumen ubergossenen Arbeiten von Mehmet Behluli und die Aufstellung Ton und Ambiance von llir Bajri.

Unter einem ungev/ohnlichen Titel fur eine Kunstausstellung – Asoziale  Versicherung (1997 in der Galerie Beograd in Belgrad) haben funf Kunstler Milija Nešic, Milan Blanuša, Dušan Gerzić, Jelena Marković und Srdjan Djile Marković eine Ausstellung mit Tatjana Velenik als Autorin des Konzeptes und der begleitenden Texte unter dem Untertitel Soziale Kunst in der Belgrader Malerei von 1975 bis 1988 veranstaltet. Die Grundidee der Ausstellung war sehr starr aufgestellt und griff tief in die Grunde und in das Problem des Engagements unserer bildenden Kunste nach dem Jahr 1975 ein.

Nach den Ideen von Dr. Ješa Denegri und Dr. Miško Šuvaković entstand eine Autoren- und Studienausstellung VerstoBformen-Postmoderne und Avantgarde am Ende des XX. Jahrhunderts (1997 im Zentrum fur Kulturelle Dekontamination in Belgrad). Sie lehnt sich an das bereits gewohnte Stichwort von unserer Kunst in der geschlossenen Gesellschaft  an. Denegri betont starke Prozesse der aktuellen kulturellen Globalisierung und Šuvaković fuhrt die Themen Kunst und Politik in elf Problemblocken aus. Die Autoren dieser Ausstellung haben sich entschieden, in einer Menge der Phanomene in diesem Bereich die Werke von Balint Szombathy – eine vollstandige raumliche Installation unter der Bezeichnung Scheidewege  und von Raša Todosijević – eine Werbetafel mit dem Titel Restaurant Freiheit als ausgepragteste Beispiele des ethischen und ideologischen Engagements unserer gegenwartigen Plastikkunst vorzustellen.

Das Thema des XX. Memorials Nadežda Petrović (1998 in Čačak) wurde als Kunst und Engagement in den neunziger Jahren bestimmt, beeinfluBt durch die Ereignisse, die in dieser Zeitspanne auf Jugoslawien stark eingewirkt haben. Wir mussen uns nicht in allzu ferne Vergangenheit begeben, um Beispiele zu finden, die in sehr anschaulicher Weise auf die Tiefgrundigkeit verweisen, welche durch falsche Vorstellungen von den Kunstbildern entstanden waren. Eines dieser Krankheitsbilder wurde als Angst vor Blldern verzeichnet.

Ein sinnestauschendes Zuruckholen wohl bekannter Mythen und Legenden in unser Leben, welches wir gerade als ein historisches Volk dort zurucklassen sollten, wo es auch hingehort – also in die Geschichtsbucher – wurde zu einem neuen Totentanz, zu einem keineswegs literarischen sondern buchstablich blutenden Balkanbarock , wie es Marina Abramović   1997 auf dem Biennale in Venedig zeigte. Aus diesem irdischen Kessel und dem echten Pandamonium unserer Charaktere kam die Uberschwemmung von neuesten Bildern morbider Realitat – jene, welche die Welt der Zivilisation fur immer hinter sich zu lassen versucht. Der ungeheuerliche Bund der Linken und der Rechten, des roten und des schwarzen Sozialismus und des schwarzen wie auch des roten Faschismus der regierenden Koalition bis September dieses Jahres wurde zur Wirklichkeit, welche die Perspektiven verdunkelt und die Zukunft vieler kommender Generationen geraubt hat. Dieses in jeder Hinsicht schreckliche Balkan-Jahrhundert scheint, ganz naturlich und gesetzmaBig mit noch einem Zyklus von massenhaftem Toten und Zerstoren – mit einer weiteren blutigen Barockhochzeit geendet zu haben.

Als individuelle Kultur des Protestes wurde die Arbeit von Saša Stojanović (ein Kunstler aus Leskovac) bezeichnet. „Die Grundlage meiner Arbeit stellt die Ruckkehr zur’ Reinheit des Anfangs. Aus Mitgefuhl zu den Kindern, vvelche die Ruckbewegung der Gesellschaft am schwersten zu spuren bekamen, widme ich mich tiefer der Energie des Leides” – lautet die Aussage des KiJnstlers, der im Verlauf seiner nicht einmal ein Jahrzehnt langen kunstlerischen Tatigkeit viele Medienbereiche wechselte -von der Malerei bis zu der Performance und den offentlichen StraBenveranstaltungen. So haben beispielsweise die Bilder wie Schau mit eigenen Augen, was alles in deinen Taschen liegt, Die Atempause, Reform in eurem Kopf, Kinderlied usw. einen transparenten bildnerischen Ausdruck, welcher der jugendlichen Vorstellungskraft sehr nahe liegt, aber auch eine Botschaft an die Erwachsenen bezuglich  ihrer Verantwortung gegenuber den Kindern und den Unschuldigen. Zu dieser Zeit hatte er auch einige selbstčindige Ausstellungen, davon war die am starksten charakteristische Die Wahren Geschichten (Cinema Rex in Belgrad), als er Schachteln mit Druckmedien der Regimepropaganda beklebte und sie mit Kinderzeichnungen bemalte. Er hatte auch einige Gruppenausstellungen wie:   Stimmen des neuen Jahrhunderts, oder im Rahmen der Ausstellung des Oktobersalons (1999 Belgrad), an dem er sich mit der Ausarbeitung eines gemeinschaftlichen Werkes mit weiteren zwolf Autoren beteiligte, indem er Metapher und direkte politische Botschaften gebrauchte. Dieser stille und unaufdringliche junge Mann hatte sich kunstlerisch betatigt und sich damit gerade in den Gegenden des harten Totalitarismus des Regimes – im Suden Serbiens: Priština und Leskovac deklassiert. 

Das eigene Erlebnis des Dramas eines kollektiven Todes ist ein Pfand fur wirkliche Authentizitat und Aufrichtigkeit eines individuellen kreativen Aktes vor jenem Augenblick an, seit die Kunst als menschliche Erfahrung besteht. Dieses grofie Thema, moglicherweise auch das groftte in der Kulturgeschichte der Menschheit fand Autoren, die in direkter Weise darauf geantwortet haben, indem sie solche Werke schufen, die den Korpus wertvollster, wichtigster und bester der gesamten Kunstgeschichte geschaffen haben, die zu Meisterv/erken wurden. An deren Spitze steht allenfalls Guernica von Pablo Picassos. Dleser Reihe gehort nach ihren Eigenschaften auch die monumentale Komposition Aufruf zum Frieden der Bildhauerin Vida Jocić, die wdhrend des NATO Bombenangriffs im April und Mai 1999 im Zentrum fur Kulturelle Dekontamination aufgestellt wurde. In diesem Aufruf sind die universellen Merkmale des Holocaust (immer und uberall fur jeden Einzelnen, fur das Kollektlv, die Nation); in seinem kreativen Hintergrund steht die auf dem Arm der Blldhauerin 1943 in Auschwitz tatov/ierle Nummer 49865; auf seiner asthetischen Ebene liegt der dramatische Ausdruck der Form des Einen, das in solchen Gelegenheiten regelmafiig zu etwas Massenhaftem vervielfdltigt wird; das ist wie schon gesagt  – eine Kathedrale des Leides, was mit seiner zerstorerischen Qual, durch das Echo schrecklicher Totenstille, durch Bewegung im Ruhen, durch das Durcheinander der Gefuhle im Raum und in der Zeit wirkt.

Die Ausstellung oder gar die Prasentation des Werkes mit einer ironischen und etwas verwirrenden Bezeichnung Perfect Future Dejan Atanackovićs (1998 Zentrum fur Kulturelle Dekontamination, Belgrad) bestand aus drei Segmenten: einige wie Miniaturen kleine  Lichtschachteln, nach dem Muster der Billboards gemacht, eine CD-Rom, die durchsucht werden konnte im aufgestellten Computern und die Projektionen des Grundvverkes auf der groften Leinwand. Die Darstellung dieser Arbeit verlduft bei totaler Stille, wobei die Aufmerksamkeit der


Zuschauer auf den visuellen und semantischen Komplex fokussiert wird; seine Montagen in Form von elektronischen Photographien und Computerbilder sind erganzt durch kontextualisierte Slogans – durch kurze, direkte Aussagen. Sein Werk hat auch die Bezeichnung Screen savers 3, mit dem auf den technologischen Ursprung und auf ein kontinuierliches kreatives Konzept hingewiesen wird, das in einen kleinen Arbeitszyklus umgestaltet wird. Atanacković schreibt die ubernommenen Slogans ein, welche an die Propaganda (politische und wirtschaftliche) erinnern und so eingeordnet, werden sie durch aufgestellte Panneaus und Plakaten, im Internet oder als Galeriewerke als reine Botschaft des Autors gesendet, die in ein hypermodernes Advertising verpackt ist. Das Werk Perfekte Zukunft von Dejan Atanacković wurde  als eine direkte Folge der Identifikation seiner  Inhalte in der Gegenwart (uberwiegende rot-schwarze Kombination wird auch als Symbol der Farbe der herrschenden Koalition) aufgenommen und  ist eine Werbebotschaft fur die ais paradigmatisches Muster die nazistische (nationalsozialistische – eine weitere Koinzidenz) Propaganda, die auf diesem Feld fuhlbarsten Ergebnisse der drei6iger Jahre geboten hatte. Dieses Ausstellungs-Projekt erhielt dadurch die Form einer arteigenen Dekontamination (in vollkommener Ubereinstimmung m dem Haus in dem es stattfand).

Alle drei Kunstlergruppen – Skart, LedArt und Magnet, di ihre Arbeiten hier vorgestellt haben, lassen ihre Arbeit ai einigen gemeinschaftlichen Prinzipien beruhen. Zundchs einmal ist da das Verlegen der Tatigkelten aufterhalb staatlieher Stellen und gewohnten Ausstellungsraumen (Museen, Galerien) und dann der Umstieg auf die StraBenkunst, welche bedeutend groBere Aufmerksamke der Offentlichkeit erweckt, mehr Publikum bekommt unc damit ist wesentlich attraktiver und prdsenter in Medien dargestellt ist. Sie bedienen sich weiter untypischer Kunstmittel, mit welchen sie vom Publikum wachsamer aufgenommen werden; sie rufen deren sturmische Reaktionen hervor und hinterlassen eine mehr ausgepragte Spur in Zeit und Raum. Ihre Arbeiten habe vorubergehenden Charakter und werden in der Video-und Fotodokumentaton aufbewahrt. Schlieftlich ist dies« Form des kunstlerischen Engagements typisch ausschliefilich fur Strafien und Pldtze groBerer Stadte, ii welchen die Folgen zerstorender Politik, der Armut, des Todes am besten wahrgenommen werden. Ihre Reaktionen sind ebenfalls einmalig – sie beziehen sich die gesellschaftlichen und Ideologlschen Tagesprozesse und Phanomene: von dem Kriegsdrama bis zur Zerstorung der Stadte, von Kriminalitat bis zu der Hyperinflation, vom Hunger bis hin zur Armut, vom Uberleben bis zum Tod, von dem allgemeinen Kitsch b zum Antiurbanismus und der Stadtevernichtung, von d’ Okologie bis zu den Mullabladeplatzen usw., wodurch volle Aktualitdt der Bedeutung ihrer Arbeit gewahrleist< ist.

 

So sind die Gruppe Magnet und ihr Grunder und Leiter Miroslav Nune Popović  fur eine Reihe offentlicher kunstlerischer Arbeiten unter den allgemeinen Kennwort StraBenkunst beruhmt geworden. Sie haben einen hohen Grad an provokativem Engagement errelcht, das zugleich auf einen ausgesprochen komplexen Inhalt mit Ideologischen, ethischen und asthetischen Komponenten verweist, die in der neueren jugoslawischen schopferischen Gestaltung nicht verzeichnet wurde. Damit haben sie gezeigt, dass sie sich auf Spuren traditionsreicher Avantgardebewegungen des XX. Jahrhunderts vom Dadaismus uber die russischen Kunstexperimente in den fruhen Revolutionsjahren, bis zu den Happenings und Performances direkt befanden, welche das gemeinsame Ziel der Verdnderung (Verbesserung und Anhebung auf einem hoheren Grad) der allgemeinen Ethik und Asthetik anstrebten.

Ervvćihnen wir hier auch Kunstler, die der gerichtlichen und polizeilichen Verfolgung ausgeliefert wurden: Miroslav Nune Popović   (dem vvegen der Vereitelung der Amtspersonen – der Polizei in der Ausubung deren Tatigkeit eine Gefangnisstrafe bis zu drei Jahren angedroht vvurde),   der Maler Bogoljub Arsenijević Maki (verurteilt aus dem gleichen Grund zu drei Jahren Gefangnisstrafe; er ist ab dem Monat Marz 1999 auf der Flucht; seitdem wurden viele seiner Ausstellungen in den groBten Zentren Serbiens abgehalten), der Meister des Aphorismus Boban Miletić Bapsi, der zu funf Monaten Gefangnisstrafe verurteilt vvurde, nachdem er in seinen Arbeiten den damaligen Prasidenten Jugoslavviens Slobodan Milošević  verspottet hatte. SchlieBlich ist da auch die albanlsche Arztin und Dichterin Flora Brovina, die wegen angeblicher terroristischer Tatigkeit sogar zu zwolf Jahren Gefangnisstrafe verurteilt aber vor kurzem nicht freigelassen gesetzt wurde.

Durch die   uberzeugendsten Beispiele haben wir erst einige direkte Formen einer engagierten kunstlerischen Tatigkeit und des Verhaltens in dieser Zeitspanne erfasst. Die Reihe dieser Phanomene bildet eine bedeutende Rangierung, die unter ihnen vorhanden ist: von der metaphorischen Rede bis zu der Brutalitat der StraBenaktionen, von dem Simulacrum der Kammerraume bis zu den monumentalen ready made, von den geschichtlichen Allegorien bis zu der Vereisung des aktuellen Augenblicks, von der Repression im Berelch des kunstlerischen Schaffens bis zu den Beispielen der polizeilichen und gerichtlichen Verfolgung der Kunstler. Jedes von ihnen ist auf der anderen Seite eine direkte Antv/ort auf die dramatischen Herausforderungen dieser au6erst gefahrlichen und ideologisch nicht artikulierten Zeit. Unsere postsozialistische Gesellschaft  hat keine stabilen verfassungsmćiBigen, polltischen, okonomischen, ausbildenden, kulturellen und sonstigen Parameter (vvelche eine zivilisierie Gemeinschaft definieren) geschaffen, so dass gerade zu der Zeit  in vollem Schvvung eine allgemeine soziale Zerruttung stattfand,


durch welche dem Einzelnen wie auch dem KiJnstler, dem Angehorigen einer derartlgen Gemeinschaft einfach alle Moglichkeiten ausgeraumt wurden. Das, was dann doch als die allerletzte Moglichkelt verblieben ist, war ein aktiver Widerstand im vorgefundenen Zustand, es war die Anstrengung und der Mut, um klar zu zeigen, daB man das nicht hinnimmt und daB man das nicht akzeptiert. Die Ausstellung zeigt, so hoffen wir, diese Schlchtstufen, das asthetische Niveau und die ethischen Komponenten, indem sie in den Wertkategorien vollstandig ausgeglichen vverden. Auf der anderen Seite haben die fur dlese Gelegenheit genommenen Beispiele gegenuber der sozialen und kulturellen Wirklichkeit sehr aktiv gev/irkt. Und auf dieser uberaus sensiblen und (fur das kunstlerlsche Schaffen) gefahrlichen Verflechtung steht ab heute eines der bedeutendsten Kunsthauser, deren hochste Etagen bereits in das dritte Jahrtausend reichen. Also auf dessen Spitze steht moglicherweise ein neuer Leuchtturm, der erst angedeutet wird und der Aussichten hat, zu unserer neuen Hoffnung zu werden. 

 

Dustere Seite

Als am 1. Januar 1 995 Genau um die Mittagszeit im Zentrum fur Kulturelle Dekontamination (auch fur die Entnazifizierung, wie sich dieses Haus u.a. bezeichnet, wodurch wie nach einem zweifachen kulturellen Antibiotikum das „Wirkungsspektrum” in einem Umfeld verstarkt wird, das wahrend der letzten Zeit soziologisch und ideologisch mehrfach verschmutzt und verseucht war) die I. Dekontamination   in dem, fur diese Gelegenheit gerade erst vviederhergestellten Pavillon Veljković veranstaltet wurde, vvelches bis dahin sehr vernachldssigt war und noch wahrnehmbare bauliche Schaden an den VVanden und der Decke zeigte, hatten die Besucher trotz der Neujjahrsstimmung   keinen ublichen Optimismus fur das kommende Jahr gehabt.

Der Grund dafur waren die dauerhaften Folgen des gerade beendeten serbisch-kroatischen Krieges und des Krieges, vvelcher in Bosnien und Herzegovvina noch dauerte, aber auch die klaren Anzeichen des bevorstehenden blutigen Dramas und der massenhaften todbringenden Auflosungen auf dem ex-jugoslawischen Territorium. In solcher Stimmung verliefen etwa all diese Jahren seiner Arbeit an der Bereicherung des Raumes, den die zentralen, staatlichen Stellen fast vollkommen verlassen haben.

In dieser Ubersicht verweisen wir auf die Ausstellungstatigkeit des Zentrums fur Kulturelle Dekontamination, die in der letzten Zeit die Reaktionen eines Teils der Offentlichkeit wieder hervorruft. Diese versuchen in unterschiedlichen Formen aus dem Zentrum elnen Anachronismus unter der Bezeichnung Museo zu machen und sie verkennen, dass  das gerade realisierte Programm mit Werken der bildenden Kunste im vvesentllchen den Sinn und die Bedurfnisse der Anstalt uberragt, welche heute nicht das gleiche Ziel verfolgt, wie zu der Grundungszeit 1931. Erwahnenswert ist auch die Denunziation ihrer Tatigkeit Im zentralen Regierungsorgan als funfte Kolonne sovvie die Beschlagnahme der Dokumentation und der Ausstattung von Seiten der Geheimpollzei. Dabei haben slch die Zeiten so dramatisch verandert, da6 eine weitere Symbolik aber auch eine buchstablich tote Kulturanstalt in einer Epoche unproduktiv ware, als eine erneute Belebung, die Suche nach anderen Wegen und das Durchbrechen versteinerter und enger Turen der gesellschaftlichen Abldufe – insbesondere jener kulturellen und kunstlerischen erforderlich ist, wie das die Direktorin Borka Pavićević mit ihren Mitarbeitern im richtigen Augenblick eingesehen und trotz aller Storungen projektiert hat.

Eine genaue Aufzahlung (keine chronologische Auswahl) aus dem Programm mit VVerken der biidenden Kunste zeugt davon ausreichend uberzeugend. Der I. Dekontamination folgten auslandische Ausstellungen:

Contra-dibidon und Malervverkstatt (Ljubljana), Give Me Back my Flag und Transformers (Paris), Tuzla-Belgrad 1996, Strahlungen (Skopje), Photographien mit Attributen (Polen), Ukrainische Neoavantgarde (Odessa), ARTME-Ausstellung und Vorstellung der Werke junger Kunstler aus Slowenien, Kroatien, Foderation B/H, Mazedonien und Jugoslavvien und besonders interessanter Chaos in Aktion (simultane Veranstaltung der Werke der bildenden Kunste abgehalten gleichzeitig in elf europaischen Stadten mit Links von Videos und Computern); dann die Autorenprojekte Camera Lucida und Mord (Jahresausstellungen des Zentrums fur Moderne Kunst des Fonds fur Offene Gesellschaft), Wir sind noch immer auf den Strafien (Frauen in Schvvarz), Tendenzen der Neunziger: Hiatus der Moderne und Postmoderne, Mehr als Trillerpfeife, Wie ist dein Name, Pertej (Ausstellung nach der Konzeption Shkelzen Maliqis mit Werken der vier kosovo-albanischen Kunstler; Dokumentationen: 300 Numm^rn (Titelseiten des Wochenblattes Vreme), Dle andere Seite der Geschichte (die Zeitschrift Republika feiert 10 Jahre seit der Grundung); viele Bilderausstellungen, Collagen, Skulpturen, Objekte, Installationen, Photographien, Video, Design, Performance: Developing/ment (Photographien), Photo Safari (Aktion und Installation), Wer schneidet euch die Haare (Aktion), Retrospektive des nationalen Interesses (Bilder), BIS (Skulpturen),   Nocturne   (Bilder), Dekontaminatlon des Eros (Bilder und Skulpturen), Auszuge aus dem Tagebuch eines Zeitungsmannes (Bilder und Collagen), Wir waren Kinder (Photographien), Chamdleons (Bilder und Objekte), Shangri-la (Biider), Sehnsucht (Objekte und Bilder), Downtown (Photographien), Biblische Applikationen (Collage), Treffen der Ketzer (Performance), PE-LD (graphisches Experlmentaldesign), Aufruf zum Frieden (Skulpturen), Individuelle Kultur des Protestes (Bilder), Schwarzer Stern (Performance und Video). Es wurden auch Jubilaen gefeiert: Gehe jetzt (Jahresfeier der Led Art), Sonderausstellungen veranstaltet: Ecologis (Kinderarbeit), Bilderauktion fur das Studentenparlament, Underground (dem Prozess gegen den verfolgten Kunstler Nune Popović gewidmet); Beteiligung an groften Veranstaltungen: Verbotenes Bild fruher und jetzt  (Festival „Sehnsucht nach Leben, WR in Belgrad” nach einer Idee von Dušan Makavejev). Da wurde auch das „Festbild” von Mića Popović zum ersten Mal gezeigt (1974 vvurde seine Ausstellung wegen dieses Bildes abgesagt); Serbien 2000 versammelte engagierte Aktivisten vom Ende dieses Jahrzehnts in der Rex-Produktion;   Beginn der CD-Produktionen: Perfect Future (von Dejan Atanacković unter kreativer Mltwirkung von Zoran Živković); Vorstellung von Arbeiten   der Mitglieder des Photo-Workshops Vesna Pavlovićs und des Zentrums fur die schopferische Gestaltung der Jugendlichen von Dragana Marković.

Auch die altere Kunstler haben in den funf Jahren ihre Arbeiten ausgestellt: Vida Jocić und Halil Tikveša, die mittlere Generation: Marija Dragojlović, Nikola Džafo, Dragoslav Krnajski, Zoran Naskovski, Miomir Grujlć Fleka, und die jungere: Saša Stojanović, Biljana Djurdjević, die Gruppen: Skart, Breda Kralj und Jurij Krpan (Ljubljana), Fabrice Domercq, Vuk Vidor und Fabrice Langlad (Paris). Es gab noch viele Gruppenausstellungen, mit welchen sich nur eine kleinere Anzahl angesehener Kulturhauser im heutigen Jugoslavvien messen konnte.

Wahrend der Feier des funfjahrigen Jubilaums des Zentrums fur kulturelle Dekontamination wurde durch die erste Ausstellung im Jahre 2000 Finde dich von Vesna Pavlović (mit der Koautorin Ana Miljanić, die dieser Vorstellung einen interessanten dramaturgischen   Leitsatz gab, zeigte sie eine fotografische Ubersicht seiner Tdtigkeiten in 59 Bildern)  wurde gleichzeitig nicht nur eine dokumentarische Wirkung der artifiziellen Aufreihung der Ereignisse, Personlichkeiten und Tatsachen in der Tatigkeit des Zentrums, welche die Reaktionen auf diese zerstorerische Zeit  des laufenden Jahrzehnts in Jugoslawien in hohem Mafie verzeichnet und reflektiert hatten, sondern es wurde ein sehr breiter Umfang verschiedenster Tatigkeiten des Zentrums gezeigt. Das waren Kunstausstellungen, Autorenprojekte, Dokumentarleitsatze mit zahlreichen aktuellen Tagesthemen. Die Tatigkeit des Zentrums widmete sich vor allem der Theaterarbeit mit vierzehn Produktionen, von welchen heute funf durch Gastreisen im Inland und im Ausland parallel aufgefuhrl werden. Zu Gast waren viele angesehene Personlichkeiten aus dem Ausland wie Gyorgy  Konrad, Liv Ullman und Bibi Anderson oder aus dem ehemaligen Jugoslawien wie Slobodan Snajder und Predrag Matvejević. Man veranstaltete Protesttribunen anlćiBlich der Verfolgung und Verhaftung von Intellektuellen und Kunstlern (Nune Popović und Flora Brovina) und auch gegen jede Form von Repression durch das Regime (z.B. brutale Ermordung Slavko Curuvijas). Es gab Veranstaltungen zum Andenken an jene Kunstler (wie Danilo Kiš und Biljana Jovanović), welche von den offiziellen Stellen aus der nationalen Erinnerung absichtlich verdrangt werden. Weiter gab es Buchlesungen und -vorstellungen, Urauffuhrungen von Alternativfilmen der Autoren wie etwa Želimir Žilnik, demonstrative Versammlungen, StraBenauffuhrungen von Sonja Vukićević  vor einem Polizeikordon wahrend der Proteste 96/97, offene Gesprdche uber zugespitzte und schmerzliche gesellschaftliche und polltische Fragen, von welchen in dieser ganzen Zeit Jugoslawien erschuttert wurde   bis hin zu seiner endgultigen Spaltung. Nebojša Popov hatte auch eine kulinarische Aktion unter dem Titel „Dem Volke Bohnen in den Kopf setzen” ausgefuhrt. Obwohl das Zentrum eine unabhangige Kulturanstalt ist, ubernahm es die Rolle vieler, „eingesturzter” offizieller Stellen von nationaler Bedeutung. Diese hatten kelnen Mut, iiber dle schvvierigsten Probleme zu reden, welche in all diesen Jahren Serbien von Grund auf erschuttert haben. Dabei waren dle Burger wie auch die KiJnstler auf das blofie Uberleben und einfachste Fortbestehen ausgerichtet und   in existentieller und professioneller Hinsicht  befanden sie sich am aui3ersten Rand.

Auf der anderen Seite vvurde in der letzten Zeit auch die Ubernahme des Attributs „Dekontamination” von der Jugoslavvischen Linken verzeichnet. Dies ist nach der Anzahl ihrer Mitglieder, Sympathiscmten und Wahler eine wlnzige aber nach dem politischen EinfluB eine entscheidende Partei. Durch diesen EinfluB versucht sie die dem Regime nicht treuen Medien auf einer quasi patriotischen Grundlage zu „disziplinieren”. Naturlich mit verstandlichen Grunden verkennt sie dabei den Sinn der „Entnazifizierung” der Gesellschaft durch die Ideologie, zu welchem sie ebenfalls einen wesentlichen Beitrag geleistet hatte. Aus diesem Grunde konnte die Ausstellung Finde dich eben einigen ihrer Ideologen helfen, sich auf jener Seite zu finden, die besorgt, finster und entsetzt ist vor Ereignissen,  von welchen unsere Geschichte und unser Geddchtnis unter deren ausgiebiger Hilfe uberfiillt sind. Und ganz besonders wurden durch sie die Kindheit unserer jungsten Generationen endgultig kontaminiert und nazifiziert, was eigentlich von allem das schlimmste ist.

Das Zentrum fiir Kulturelle Dekontamination hatte in den letzten funf Jahren einer Riesenbeitrag (mit groBer Muhe) geleistet, damit wenigstens   minimale Besonnenheit und reine Vernunft bei seinen regelmaBigen und anderen Besuchern ausgedruckt werden konnte. Und dies ist nicht nur nicht wenig, sondern gerade riesig im Vergleich zu der Intensitčt der allgemeinen aber auch kulturellen und kunstlerischen Unheilstiftung, die dem gegenuber als Spuk in Serbien unbedingt und in neuester Zeit endgultig zu Ende gehenden Epoche steht. 

 

Čedomir Vasić

Geboren 1948 in Belgrad.

Beendigung des Studiums und Aufbaustudiums an der Fakultat der Bildenden Kunste in Belgrad,  wo er seit 1975 als Professor arbeitet. Studienaufenthalte in den USA, Frankreich und Italien. Ausstellungen: Belgrad, Paris, Edinburgh, Bari, Neapel, Thessaloniki, Biennale in Venedig u.a.

Die des unerbittlichen Folgen des Uberlebens von Geschichte

Seit seinem Erscheinen in der Kunstler-Szene in den siebziger Jahren hat Čedomir Vasić stets seine ambivalente Auffassung grundlegender asthetischer Propositionen seiner Epoche im Verhaltnis zu vorangegangenen zum Ausdruck gebracht, in denen die plastische Darstellung eine andere Funktion, was ihn aus irgendeinem Grund fesselte und zum mentalen und kreativen Handeln anregte. So ist zum einen all diese Jahre klar erkennbar sein Interesse an vitalen, aktuellen Probleminhalten der visuellen Sprache, die er benutzte, von deren strikten Medienvorgaben er bereits in der ersten Phase abzuv/eichen pflegte, um sie immer haufiger durch die sogenannten neuen Medien zu ersetzen – vor allem durch das Video, aber auch durch Installationen und Ambienten bis hin zum Computer, indem er die Themen und Inhalte seiner Kunst durch zahlreiche Verfahren innerhalb ihrer immanent semantischen Ebene und der hieraus abgeleiteten ProzessualHat der eigentlichen Aufstellung herausarbeitet.

Diese Ausfuhrung enthalt jedoch in einigen seiner neueren Arbeiten, wie zum Beispiel jenen mit dem Titel „Das Kosovo-Madchen”, „Fluchtlinge aus Bosnien-Herzegowina” und ,,Auswanderung der Serben” auch Merkmale, die eine neue Dimension der kontrollierten Beteiligung des Betrachters bei der ,,(Wieder)erschaffung eines kunstlerischen Gegenstandes erfahren.Grundlage dieser Arbeiten sind eigentlich die Gemalde der serbischen Realisten und Akademiemitglieder aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert Uroš Predić und Paja Jovanović mit historischen Themeninhalten (die sich in unseren Leben auf brutale Art und Weise in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wiederholten) und Bezug nehmen auf den Mythos uber die Schlacht auf dem Amselfeld* (und es scheint kaum zufallig, daB im Kosovo auch der jungste, fur die Serben todliche Mythos von Slobodan Milošević seinen Anfang nahm) und die wiederholten, jahrhundertelangen Vertrelbungen (zunachst aus den sudlichen Regionen des Ottomanischen Imperiums, spater auch aus dem Westen, aus dem osterreich-ungarischen Kaiserrelch). Die Wiederaufbereitung dieser Mythen und historischen Ereignisse durch ihre Obertragung in die Fabelgemalde der grofiten Wegbereiter der Kunst dieses Jahrhundert


gewinnt in den jungsten Interpretationen Cedomir Vasić ein klares Rezeptionsfeld: der schmale Grat, der das historische Gedachtnis und dessen Loschen und Entfacher trennt, fuhrte zu den jungsten Kriegsdramen, die zum Zerfall des einstigen Jugoslawiens fuhrten. Und gerade dieser Tatsache wird sich der teilhabende Betrachter der Arbeiten von Vasić bewufit – die den Originalgemalden entsprechende Vorlage bekommt er ausschlieBlich als leeres Szenarium, als Geisterlandschaft ohne Leben und Menschen. Der Autor spielt offensichtlich mit der jungster tragischen Erfahrung der Bewohner des heutigen Jugoslawien, die in Folge des starken Druckes der Geschichte durch eine Staatsideologie, die auf genau diesen Mythen von gewonnenen/verlorenen Kriegen und den darauf folgenden Vertreibungen jeden Realitatssinn zu verlieren begonnen haben. Historisches und kunstlerisches Gedachtnis verflechten sich hier zu einem mahnenden kunstlerischen Werk, das der Betrachter passiv (genau wie im eigenen Leben wahrend der letztet Zeit) annimmt ohne die Moglichkeit, auch nur irgendetwas andern zu konnen. Und dabei ist nicht nur das kunstlerische Werk Ubertragungsmedium asthetisch ethischer und ideologischer Botschaften, sondern auch der Autor selbst, der ebenfalls mit seiner eigenen Arbeil einem Staatsmann (oder Demiurgen) gleich manipulierl

Diese Arbeiten erheben sich durch ihre ikonischen, visuellen und semantischen Charakteristika auf ein allgemeines, aktuelles Niveau zahlreicher traumatische und katastrophischer Ereignisse, die insbesondere im Laufe des vergangenen Jahrzehnts in diesem Teil Europ stđrker wurden. Dieses Verfahren beruht auf dem Memoriellen, auf dem Verleihen eines neuen Merkmal: Vorangegangenem – dessen, was als endgultiges Fakti und Erinnerung an einstiges Dasein geblieben ist, auf vergangener Existenz, die sich jedoch ab und zu wiederholt in Zeiten anachronischer, politischer Projekt Hier offenbart sich also das spezifische Interesse Cedc Vasić fur das Historische, fur Migration, fur die gewaltsame oder freiwillige Umsiedlung ethnischer Gemeinschaften durch verschiedene Gebiete, Kulturer Zivilisaiionen, fur die Evozierung von Mythen als aktualisierte, tagespolitische Imperative. Dieser Weg jedoch, und dies hat sich erneut gezeigt, fuhrt immer in eine Richtung – in einen allgemeinen gesellschaftlic Kataklysmus, der dessen direkte und unerbittliche Foli ist.

Jovan Despotović

Akademie der Künste, Berlin,  Akademie der bildenden Künste, Wien, 2000-2001