“…DER MEIN ANTLITZ SPIEGELT”

Zerbrechliche provisorische Konstruktionen, Installationen, ambientale Exponate, mit denen die heutigen Künstler eine neue Lebenskraft der Epoche des postmodernen Paradigmas beweisen, entsprechen anscheinend dem Bild, das wir von unserer Gegenwart haben. Dabei reflektieren sie gleichzeitig die Wirkung neuerer Ästhetik, die die Grundsätze bleibender Werte, die für die Moderne, ja für die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts charakteristisch sind, radikal infrage stellt. Die Dominanz gerade dieser Richtungen und Methoden des künstlerischen Ausdrucks im aktuellen Schaffen ist ein Zeichen des einheitlichen Geisteszustandes der heutigen Zivilisation, der aus mehreren kreativen und bedeutungsvollen Kreisen her­vorgeht. 

Diese zweite, dritte Welle – in Abhängigkeit von der zeitlichen Distanz der Veränderungen – wurde vor allem durch die Einflüsse der konzeptuellen Kunst ausgelöst (wenn man diese neue künstlerische Praxis als typisch für jene Strategien betrachtet, die das Kunstobjekt dematerialisieren, es auf ele­mentare sprachliche und plastische Symbole, auf die Idee des schöpferischen Aktes und dessen notwendig internationale Position in der Rangordnung psychosozialer Inhalte reduzieren). Die jetzigen Installationen, Objekte, enviromentalen Inszenierungen sind unmittelbare Folgen der Ausbreitung des Medienfeldes der zeitgenössischen Kunst auf den Spuren der historischen Avantgarde, in Richtung einer Beseitigung der Determinanten in den bildenden Künsten und der Erstellung bestimmter Zwischenformen, vermischter oder multimedialer Aggregate, die jetzt einerseits die veränderten technischen Voraussetzungen der neuen Techniken und der elektronischen Medien integrieren, und andererseits der veränderten Sensibilität der Künstler selbst entsprechen. Das hohe Bedeutungsniveau der Arbeiten der neuen Generation, auf dem die Persönlichkeit des Autors und seine individu­elle Mythologie angesprochen sind, bildet die Schaffensgrundlage, auf der das aufregende Abenteuer unserer Ultramoderne stattfindet. Unter den Arbeiten der Teilnehmer des Künstlerischen Projektes RIVER ART können beide Horizonte in der Relation Idee -Bedeutung und in den formalen Eigenschaften der Medien genau erkannt werden. Mit Rücksicht darauf, daß die Ausstellung an einem besonderen Ort – am Zusammenfluß der Donau und der Save – stattfindet (mit all den Bedeutungen, die das Wasser ab eines der vier Elemente der sichtbaren Welt hat) und mit Rücksicht auf den speziellen Ausstellungsort -der ungewöhnliche und anregende Raum der “Stara Barutana”, das sich in der historischen Festung auf dem Belgrader Hügel befindet -wurden Arbeiten ausgesucht, konzipiert und ausgeführt, die ihre Umgebung deutlich reflektieren. 

Die vielfach bedeutende Installation von ZORAN POPOVIC mit dem Titel “Die Kunst der Präkognition: die letzte Ruhestätte des Antichrist und seines Reiches” besteht aus einem Boot, das sich paradoxerweise nicht im Wasser befindet, es ist selbst bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Diese irreale metaphysische Darstellung wurde durch einen menschlichen Schädel und zwei rote Rosen ergänzt. An der gegenüberliegenden Wand wurde ein Kreuz aus Neonlampen installiert. Das breite Spektrum der vielen symbolischen und seman-tischen Deutungen spiegelt die Intention dieses außerordentlich empfindsamen Autors gegenüber dem wahrhaft symbolischen Epilog unseres blutigen Jahrhunderts und noch blutigeren Jahrtausends wieder. Ähnliche Intentionen weist auch die Arbeit von RENATA BUJIC auf, wenn auch nicht ganz so explizit, dafür umso poetischer. Ihr Werk mit dem Titel “Am Fluß” entstand als Reflexion über ihr eigenes gleichnamiges Gedicht, das mit fol­gendem Vers endet: “Ich schweige stumm und blicke auf den Fluß, der mein Antlitz spiegelt”. Diese Schlußsequenz weist auf eine tragische Teilung unseres Wesens und unseres Geistes hin: auf den äußeren, passiven und starren Blick, wie den einer Maske, und auf den inneren, verstörten, der in einer Larve gefan­gen zu sein scheint. Die Objekte von DRAGAN ALEKSIC – verbranntes Gedeck auf weißem Tuch, ähnlich einer apokalyptischen Darstellung – runden diese düstere Reihe von Installationen ab, die unsere Zeit dokumen­tieren und zugleich unsere offensichtliche Verweigerung ausdrücken.  

Zwei Künstler haben mit ihren Arbeiten direkt zum Thema “River Art” beigetragen. Das pho­tographische Polyptychon von ALEKSANDAR ANTIC besteht aus zahlreichen Photos des Flusses und seiner Ufer, die natürlich nicht auf de Ästhetik dfeser Motive ausgerichtet sind, sondern auf den visuellen Sinn, die dynami­schen und lebendigen, nie endenden Bewegungen. RADOMIR STANCIC hat ander­erseits auf Videoband eine lange statische Sequenz des Donauufers aufgenommen, die beim bloßem Betrachten nur als eine einge­frorene Einstellung zu sehen ist. Mit einem Fernglas aber entdeckt man plötzlich eine Vielzahl an Regungen im Wasser und auf sein­er Oberfläche. Dieser Impuls des Wassers wurde in seiner zweifachen Erscheinung eingefangen – als ewiges Bestehen aus unzäh­ligen statischen Sequenzen und als gleichermaßen ewiges Bewegen. 

Die Arbeiten von SASA JOVANOVIC – das Bild “Der Springer” und eine Reihe mit Flußwasser gefüllter Flaschen mit originellen Etiketten vom “Donauengel” – schließen diesen Prozeß ab. Das Wässerchen aus diesen Flaschen ist zunächst so herausfordernd, daß es viele Besucher probieren wollten und so auf das suggestive Spiel der traditionellen Rituale des Zuprostens und der Taufe eingegangen sind. Das Leben entstammt offenbar dem Wasser und wird unausweichlich eines Tages – einem Springer ähnlich – dorthin zurückkehren. 

Die Mobilinstallationen “Die Schläfer” von ANICA VUCETIC sind ihrer Bedeutung und ihrem Aussehen nach voll in den Ausstellungsraum integriert. Die großen weißen “Raupen”, die in langen Atmungsrhythmen pulsieren, scheinen seit jeher da zu sein, und wir haben sie nur durch Zufall in ihrem ewigen Schlaf, im Zustand der Hibernation entdeckt, in dem sie auf eine andere Zeit und vielleicht auf ein anderes Universum    mit        viel       besseren Lebensbedingungen zu warten scheinen. 

Die Arbeiten der Künstler, die wir hier erwähnt haben, bestehen – wie Zeremonien – nur für einen kurzen Augenblick während der Ausstellungsprojekte. Sie werden aber auf­grund der Zeit, in der sie entstanden sind, und aufgrund ihrer Intentionen, Spuren hinter­lassen. Nach dieser Ausstellung bleiben sie nur in unserer Erinnerung erhalten. Wie übrigensalles andere auch. 

Jovan Despotovic 

Old Powder Magazine, Kalemegdan, Belgrade